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Soziale Netze bilden nicht ab was wir wirklich sind: Mensch

In dem Artikel des Harvard Business Review interviewt Alexandra Samuel die digitale Anthropologin Brynn Marie Evans zum Thema sozialer Suchmaschinen / social search. Dabei erkennt Evans recht genau, dass die derzeitige Vorstellung einer sozialen Suchmaschinen genau das tut, was dem Menschen seit Ewigkeit normal erscheint: Freunde fragen! Funktioniert das auch immer?

Meinen Freunden vertraue ich, in fast alle Lebensbereichen. Die Empfehlung eines Freundes wird also als weit wertvoller bewertet als eine andere Werbeform vermitteln könnte. Dies macht sich das Marketing auch bereits seit langer Zeit zu nutze, indem versucht wird, Mund-zu-Mund-Propaganda zu beeinflussen und ein entsprechend positives Bild der eigenen Marke aufzubauen.

Die soziale Suche soll also nun mein soziales Netzwerk als Parameter für meine Suchanfrage verwenden, um die Relevanz der Treffer zu erhöhen. Ein Musikalbum, dessen Facebook-Fan einer meiner Freunde ist könnte auch mir gefallen. Ein geposteter Link eines anderen Freundes passt ggf. auch zu meiner Suchanfrage. Schön und gut, möchte man denken. Doch die soziale Suche hat weit aus größere Haken, als Evans in ihrem Interview erkennt.

Richtig ist, dass der technologische Aufwand heute noch nicht zu leisten ist. Die Lösung liegt aber wie immer in der Zeit und intelligenten Algorithmen. Wie aber sollen diese Algorithmen aussehen, welche Logik sollen sie abbilden? Nicht alle meine Facebook Kontakte sind für meine Suche relevant. Die Suche würde also auch Kontakte mit einbeziehen, die ich nur entfernt kenne, oder in einem Zusammenhang, der nichts mit der Suchanfrage zu tun hat. Als einfaches Beispiel habe ich auf Facebook berufliche Kontakte sowie meine besten Freunde. Der Fakt dass ich eine digitale Verbindung zu einem anderen Nutzer habe sagt noch lange nichts über die Qualität aus. Eine intelligente soziale Suchmaschinen würde sicherlich Themenbereiche erkennen, die mich mit anderen Kontakten verbindet, um relevante Personenkreise zur Ergebnisanpassung zu identifizieren.

Nehmen wir an, ich suche nach anderer Musik, als ich sonst gehört habe. Meine sozialen Kontakte bieten mir über die soziale Suchmaschine nun relevante Musik an. Doch wahrscheinlich ist der Musikgeschmack der relevanten Gruppe dem meinen ähnlich, so dass die Suchergebnisse lediglich bereits bekannte Antworten liefert. Andere Musikgenres würde die Suche als nicht relevant einstufen, da sie in meinem relevanten Netzwerk nicht auftauchen. Als übersteigertes Beispiel hätte es zur Folge, dass immer nur die gleiche Musik gehört würde. Tolle Aussicht 😦

Dass dies in der Wirklichkeit anders aussieht weiß jeder aus eigener Erfahrung. Doch wie kommen wir mit grundsätzlich Neuem in Berührung? Jedes soziale Netzwerk ist nicht geschlossen, sondern hat Schnittstellen zu Personen, außerhalb des digitalen Netzes. Damit sollte die inzestuöse Gedankengefahr ausgeschaltet sein. Leider würde durch eine soziale Netzsuche jedoch ein Teil der äußeren Einflüsse ersetzt durch die oben beschriebene Dynamik.

Immer gleiche Musik zu hören ist schon schlimm genug. Doch würde sich die beschriebene Dynamik subversiv auch auf viele andere Gedankenwelten ausdehnen. Ähnliche Meinungen würde so lange mit einander kombiniert, bis zu guter letzt nur noch ein gleichgeschaltetes Rauschen übrigbleibt. Unsere Welt würde dadurch einen Teil ihrer Vielfältigkeit verlieren. „Besucher die dieses Buch gekauft haben, haben auch das Buch gekauft.“ Diese Funktion von Amazon zeigt recht deutlich, dass die Verknüpfung über Themengebiete nicht immer die richtige Selektion hervorbringt. Probieren Sie es aus und überlegen Sie sich ob all die angeblich relevanten Angebote Sie WIRKLICH interessieren.

Diese Haltung erscheint vorerst sehr pessimistisch gegenüber einer neuen digitalen Möglichkeit der Bewusstseinsbildung. Derart drastisch wird die Zukunft nicht aussehen, solange wir begreifen, dass neue, uns vernetzende Algorithmen das abbilden sollten, was wir von unserem sozialen Netzwerk erwarten, nicht andersherum. Also Augen auf, welche angeblich relevante Information uns angeboten wird. Nicht ohne Grund heißt es: Was Google nicht findet existiert nicht. Und dies sollte in einem freien und diversifizierten Internet wohl kaum das Schlusswort sein!

Interview mit Brynn Marie Evans: http://blogs.hbr.org/cs/2010/03/of_all_the_sessions_i.html

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