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(c) D Sharon Pruitt

(c) D Sharon Pruitt

Einen Horrorfilm zu konzipieren ist einfach. Man etabliere Gesetzmäßigkeiten einer angenommen natürlichen Welt und bedrohe den Protagonisten mit etwas Übernatürlichem. So meint auch Hoffmann zu erkennen, dass „der Horrorfilm die Bedrohung des oder der Protagonisten durch einen Gegner thematisiert, der entweder selbst übernatürlicher (im Sinne von: mit (natur)wissenschaftlichen Kausalitätskonstruktionen nicht erklärbarer) Herkunft oder das Werkzeug eines übernatürlichen Wesens ist, mit dem Ziel, bei den Rezipienten ein Gefühl der Angst zu erzeugen.“

Grundsätzlich unterliegen Genres der ständigen Veränderung durch Selbstreflektion oder psychosozial bedingten Veränderungen unseres Lebens. So ist also die Veränderungsdynamik der Genres stets verbunden mit den Ängsten, die wir als Rezipienten erfahren haben. Somit hat die zu Beginn gegebene Definition nicht unrecht, sie darf jedoch lediglich auf einen speziellen zeitlichen Kontext angewendet werden. Geschichten über den Teufel, als gehörntes Wesen zwischen den Welten beängstigen heute nicht wirklich, da wir entsprechende Bedrohung nicht mehr mit unserem heutigen Leben in Verbindung bringen können. Es entsteht also keine emotionale Resonanz mehr.

Spätestens nach Filmen wie „À l’intérieur“ (2007 / R: Alexandre Bustillo / Julien Maury) hat das Übernatürliche, als das nicht naturwissenschaftlich Erklärbare, seine Berechtigung als wesentlichen Definitionsparameter für Horrorfilme verloren. Zumindest ist eine Verschiebung des unerklärlichen Phänomens vom Naturwissenschaftlichen zum Sozio-Psychologischen eingetreten.

Mit der Zeit der Mechanisierung und spätestens zur Industrialisierung zog die Naturwissenschaft als ideologische Verpflichtung in die westliche Kultur ein. Gleichzeitig mit der Verschiebung von Sorgen und Ängsten des neuen Bürgertums verschiebt sich das psychologische Angriffsziel des Horrors. Weniger das Böse, also das nach christlichem Glauben Teuflische bestimmt nun die Ängste. Unsere Identität hängt nicht mehr von einem institutionellen Glauben ab. Neue Themen bestimmen die emotionale Resonanz. Die Psychoanalyse eröffnet völlig neue Modelle die Welt und den Menschen zu begreifen. Shelton beschreibt: „Wenn das Monster nach Wood Vorstellungen von Andersartigkeit oder Abweichung – phantastisch verzerrt – repräsentiert, zeigt es damit also gleichzeitig das gesellschaftlich Ausgegrenzte oder Verdrängte auf“. Die Bedrohung kommt also nicht mehr zwangsläufig von einem naturwissenschaftlich unerklärbaren Monsterphänomen, sonder vielmehr aus der Bedrohung gesellschaftlicher Konventionen.

Doch Shelton kritisiert Woods Ansatz: „[…] dass er letztlich zu wenig genrespezifisch ist. Ein bedrohliches i.e. angsterzeugendes Konzept von Andersartigkeit lässt sich nämlich auch auf das außerirdische Wesen der Science Fiction oder sogar auf den unerkannt und verdeckt in ein gesellschaftliches System eindringenden Agenten […] applizieren.“ „Das angsterzeugende Moment des Horrorfilms liegt nach diesen Prämissen also in der Destabilisierung oder Überschreitung kultureller Ordnungen und Grenzziehungen.“, so Shelton. Dabei wird m.E. die wirkliche Bedeutung des psychologischen Faktors nicht erkannt. Richtig ist sicherlich dass sich die Angst der US-Amerikaner vor den Russen im kalten Krieg begründete in der Bedrohung ihres Lebensstils. Die Konsequenzen eines Krieges waren dabei jedoch immer determiniert, bis hin zum atomaren Overkill. Hier muss also vielmehr von Furcht und nicht von Angst gesprochen werden. Gleiches gilt für die Beispiele der Alien-Invasion. Horror hingegen will Angst erzeugen, mit der Bedrohung durch das Unbekannte. Dabei muss immer geprüft werden, ob der Angriff auf gesellschaftlich kulturelle Konventionen überhaupt ausreicht um emotionale Resonanz bei den Rezipienten zu erzeugen. Die Bedrohung von Konventionen ist meist doch nur Kodierung für die Bedrohung einer eigentlich anderen Sache, meist der Bedrohung der eigenen Identität.

Wie verhält es sich also bei dem Film „À l’intérieur“? Eine Frau verliert ihr Baby bei einem Autounfall, versucht daraufhin das Baby der Fahrerin des involvierten anderen Autos aus ihrem Bauch herauszuschneiden. Dies klingt alles ziemlich determiniert und würde grob unter dem Begriff Geisteswahnsinnig zusammengefasst. Doch genau hier liegt die neue Form des Unbekannten. Die Frage nach dem „Warum & Weshalb“ bringt uns in die düsteren Ecken unserer eigenen Unsicherheit. Unser wissenschaftlich orientiertes, logisch strukturiertes Musterdenken bringt keine Lösung für die Taten der Frau. In einer Welt in der wir so gut wie alles mathematisch genau feststellen können, beängstigt uns genau diese Unsicherheit. Selbst hinter Filmen wie „Event Horizon“, der sich ganz klassisch die Hölle und den Teufel zu Nutze macht, steckt doch vielmehr die Angst vor der unergründbaren Unendlichkeit, die unsere heutigen Technologien ermöglichen.

Das Übernatürliche weicht also dem naturwissenschaftlich nicht Erklärbaren. Der Teufel weicht der Angst vor Wahrheitsverlust oder der Unendlichkeit der Wahrheit. Auch Filme wie „Martyrs“ (2008 / R: Pascal Laugier) bewegen sich in einer naturalistischen Umgebung, mit realistischem Plot. Die Bedrohung der Protagonisten entstammt ebenfalls dem Menschen selbst. Die Motivation der Antagonisten hingegen bleibt so lange wie möglich ausgespart und erzeugt den Schauer des Horrorfilms. Durch unendliche körperliche Qualen soll die Protagonistin ihr menschliches Sein hinter sich lassen. Es ist die Suche nach der unergründlichen Welt des Todes. Kein Teufel, keine Aliens, kein übernatürliches Wesen, keine Wesen die Werkzeug des Übernatürlichen sind. Lediglich das Streben des Menschen nach wissentlicher Sicherheit, mit Mitteln der kaltherzigen Planung von Qualen ist antagonistische Kraft. Das zwar denkbare, aber ethisch Unfassbare wird ausgesprochen.

Jeder Trend hat einen Gegentrend. In der heutigen Zeit ist der Trend die Virtualisierung. Der Gegentrend scheint sich in der Suche nach dem natürlichen Menschsein zu äußern. Doch auch der Gegentrend birgt Unsicherheit und Angst. Was ist natürlich, was nicht? Was ist normal, was nicht? Unabhängig von der Richtigkeit der Grenzziehung erklärt Wood: „[…] the relationship between the normality and the monster […]” sei die grundlegende Essenz des Horrorfilms. Das Monster kann dabei auch die eigene Person, die eigene Unfähigkeit, Unsicherheit, oder die Angst vor dem tierischen Ich sein.
So werden in „Trouble every Day“ (2001 / R: Claire Denis) vorherige Gesetzte des Vampirgenres gebrochen (z.B. Vampir stirbt bei Tageslicht), andere Aspekte hingegen deutlich hervorgehoben. Die Sexualität des Horrorgenres bekommt hier eine zentrale Bedeutung und sorgt gerade heute, in unser weniger als angenommen aufgeklärten Gesellschaft, für besondere Resonanz. Die Weiterentwicklung des Subgenres Vampir-Film zeigt deutlich die Verschiebung der soziopsychologisch begründeten Ängste. Der Vampir als wissenschaftlich missglücktes Experiment steht bezeichnend für die Diskussionen um Genmanipulation und den eigentlichen Kern des Menschseins, unser Existenzberechtigung. Nach unserer heutigen Forschung ist es möglicherweise gar eine Angst um das Wissen, dass auch wir als Homo-Sapiens nicht beständig die einzigen Lebewesen der Gattung Hominini waren und möglicherweise in Zukunft auch nicht mehr sein werden.

„Das Wichtigste Kriterium im Horrorfilm ist die Bedrohung des Protagonisten durch etwas Widernatürliches, Fremdes, das in seinen normale Alltagswelt einbricht und – obwohl für ihn unvorstellbar – mit der Zeit als vorhanden akzeptiert werden muß“ (Martina Lassacher). Der Vampir als sich Selbst fremd und widernatürlich kann eine deutliche Reaktion auf die ethischen Debatten der Gentechnik sein. Die neue Angst entsteht zunehmend aus der selbstreferenziellen Suche nach einem neuen Gleichgewicht. Die ungleichgewichtigen Elemente kennen wir heute, aber nicht jene, die uns wieder „in die Waage“ bringen können. Diese Unsicherheit bestimmt den derzeitigen Trend unserer Selbstwahrnehmung als moderner Mensch.
Es scheint eine aussichtslose Suche zu sein. Also gibt es auch keinen Grund, die Protagonisten am Leben zu lassen, sie zu verschonen, bis der Cliffhanger am Ende des Films uns verrät, dass das Böse noch immer nicht besiegt ist.

Auf einem Drehbuch-Pitch auf dem Berlinale Hochschulempfang 2008 habe ich die Worte gehört: „In unserem Drehbuch wird alles immer schlimmer, alles geht bergab“. Damals habe ich diese konsequent linear dramaturgische Struktur abgelehnt. „À l’intérieur“ beweist hingegen, dass der heutige Horrorfilm unausweichlich das Schlimmste zum Ziel haben muss. Jeder noch so kleine Versuch der Protagonistin wird zerstört, auf mehr oder weniger behauptete Weise.
So gibt es eine Gesetzmäßigkeit, nach der die Protagonisten nach einer Weile die unnatürlichen Phänomene als gegeben akzeptieren, mögliche Gesetzmäßigkeiten der filmischen Welt und des Antagonisten verstanden haben und sich der antagonistischen Kraft zum Endkampf stellen. In „À l’intérieur“ wird dieses dramaturgische Werkzeug hingegen karikiert. Die Protagonistin findet eine Waffe, die sie gegen die Antagonistin einsetzen will. Es kommt zum vermeintlichen ShootOut / ShowDown. Die Antagonistin ist unbewaffnet und scheint unterlegen zu sein. Doch bevor die Protagonistin ihre „Haushaltswaffe ziehen kann“ bekommt sie sprichwörtlich einen überraschend schnellen Schlag mit einer Bratpfanne. Sogar ein Polizist wendet sich durch ein Missverständnis gegen die Protagonistin und schlägt sie zu Boden. Sie ist hilflos der Antagonistin ausgeliefert, die zum Ende das Baby aus dem Bauch der Protagonistin entfernt. Die Geburt ist gleich der Tod.

Es sind die Paradoxien unserer modernen Gesellschaft welche uns in die Verzweiflung treiben. Multilaterale Systeme führen zwangsweigerlich zu Widersprüchen und nehmen uns die Möglichkeit uns und die Welt unter absoluten Gesichtspunkten zu bewerten. Damit geht ein Verlust von absoluter Wahrheit einher. Auch hierin werden moderne Ängste vor Identitätsverlust sichtbar. Abhilfe scheinen hier absolute Systeme wie z.B. Diktaturen zu sein, die andere Möglichkeiten von Lebensstil, Selbstwahrnehmung, Menschenbild kategorisch ausschließen, um so einen gefühlten Ausgleich und einen neuen Halt zu stiften. Auf der anderen Seite ist auch die Wissenschaft viel angreifbarer geworden, da sich aus den vielen differierenden Meinungen der Spezialisten kein einheitliches Bild mehr generieren lässt. Worauf kann der Mensch sich also noch verlassen?

„Die Filmtheorie definiert Filmgenres zunächst anhand der wiederholten und/oder standardisierten Anwendung von ikonographischen oder narrativen Merkmalen und Motiven, i.e. anhand formaler, filminterner Kriterien.“ (André Bazin: Das amerikanische Kino par excellence). So diente das Übernatürliche, naturwissenschaftlich nicht erklärbare meist der Abgrenzung des Horror-Genres von anderen Genres, wie z.B. des Psycho-Thriller-Genres. Georg Seeßlen und Claudius Weil sprechen hier auch vom Mythos des Halbwesens. „Dieser Mythos realisiert sich in einem Klima des Phantastischen, das durch Bedrohlichkeit und die Unerklärbarkeit der Erscheinungen charakterisiert ist.“ Wo früher die Erscheinung an sich noch unerklärlich war kann sich heute die Unerklärbarkeit der Erscheinung weitergehend auch in der Unerklärbarkeit menschlicher Abgründe äußern. Die Unergründbarkeit menschlichen Handelns benötigt weiterhin keinen Bezug zu einer übermenschlichen Macht mehr. Keinem Psychiater möchte ich seine Fähigkeit zu präzisen Diagnosen absprechen. Doch ebenso wie die Quantenphysik kein eindeutig messbares Ergebnis, sondern nur noch Wahrscheinlichkeiten liefert, so herrscht heute ebenso ein Klima, in der die Statistik und die damit verbundene Unsicherheit unser Leben maßgeblich bestimmt. Der anhaltende Boom der Versicherungsbranche ist dafür sicher nur ein Hinweis. Doch gegen den menschlichen Wahnsinn gibt es keine Versicherung.

Die Abwendung vom Übernatürlichen, hin zur weltlichen Begründung der Angst begann bereits in den 70er Jahren. So steht „Der weiße Hai“ (1975 / R: Steven Spielberg) bezeichnend für den Tier-Horror. Ein weltliches Phänomen – hier der böse weiße Hai – bedroht die Welt des Menschen. Dabei ist die Angst vor dem Übermächtigen Tier doch eher eine Angst vor der Übermacht der Natur an sich. So ist der Tier-Horror ein Sub-Genre des Natural Horrors oder Eco-Horrors. Der Mensch in seinem Größenwahnsinn wird in eine neue Relation zur Natur gestellt, indem ihm der Thron der Allmacht über die Natur genommen wird. Heutzutage wäre es ein Einfaches, den Schauder des Horrors aus der fehlenden Allmacht über die eigene Kultur, die eigene Identität zu evozieren. So versuchte es auch bereits 2003 der genreverwandte Film „Identity“ (2003 / R: James Mangold), indem er die zehn Film-Figuren auf vorerst mysteriöse Weise ums Leben kommen lässt. Obwohl alle Figuren eine vermeintliche eigene Identität aufweisen, zeigt der Film in der eher klassischen Auflösung die Unfähigkeit der Figuren über die eigene Identität zu bestimmen. So sind sie Ausdruck einer dissoziativen Identitätsstörung.

Das Böse schlummert also in unserem Selbst, unserem Ich, dem blinden Fleck unserer eigenen Reflexionsfähigkeit.

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